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(3/3) Ist die Szene wirklich inklusiv? Wie FLINTA*-Acts noch heute vernachlässigt werden

Bereits in den ersten beiden Teilen unserer Reportage haben wir uns mit strukturellen Ungleichheiten innerhalb der elektronischen Musikszene auseinandergesetzt. Dabei ging es um die Sichtbarkeit von FLINTA*-Künstler:innen, All-Male-Line-ups und die Rolle von Quoten-Booking. Doch Diversität lässt sich nicht allein auf Geschlechtergerechtigkeit reduzieren. Auch die Perspektiven von BIPoC (Black, Indigenous and People o…

Ist die Szene wirklich inklusiv? Wie FLINTA*-Acts noch heute vernachlässigt werden / Foto: Lola Schmalbuch

Bereits in den ersten beiden Teilen unserer Reportage haben wir uns mit strukturellen Ungleichheiten innerhalb der elektronischen Musikszene auseinandergesetzt. Dabei ging es um die Sichtbarkeit von FLINTA*-Künstler:innen, All-Male-Line-ups und die Rolle von Quoten-Booking. Doch Diversität lässt sich nicht allein auf Geschlechtergerechtigkeit reduzieren. Auch die Perspektiven von BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) werden in der Szene häufig zu wenig berücksichtigt.

Im dritten und letzten Teil richten wir den Blick deshalb auf intersektionale Diskriminierung, beleuchten die Erfahrungen von FLINTA*-Booker:innen und fragen, welche Verantwortung Veranstalter und die Szene insgesamt tragen. Abschließend beschäftigen wir uns mit möglichen Lösungsansätzen und der Frage, wie ein nachhaltiger Wandel hin zu einer vielfältigeren und gerechteren Clubkultur gelingen kann.

BIPoC-Perspektiven: Die Wurzeln elektronischer Musik anerkennen

Ein grundlegender Fakt, den viele im Kontext elektronischer Musik vergessen, ist der Ursprung der Szene. House und Techno wurden maßgeblich von Schwarzen Communities in Städten wie Chicago und Detroit geprägt. Auch queere Communities spielten eine zentrale Rolle, indem sie Räume schufen, in denen sich marginalisierte Menschen frei ausdrücken und Gemeinschaft finden konnten. Die elektronische Musikszene war somit von Anfang an eng mit Schwarzen und queeren Perspektiven sowie dem Widerstand gegen gesellschaftliche Ausgrenzung verbunden. Umso wichtiger ist es, diese Ursprünge anzuerkennen und sich damit auseinanderzusetzen, warum genau diese Perspektiven in der heutigen Szene häufig zu wenig sichtbar sind.

Foto: Lola Schmalbuch

Doch warum sind diese Räume oftmals überwiegend weiß geprägt? Warum bestehen bis heute rassistische Strukturen innerhalb der Szene, und warum wird BIPoC der Zugang zunehmend erschwert? Romi beschreibt die Situation wie folgt: „So viele Genres haben ihren Ursprung in BIPoC Communities. Trotzdem sieht man gerade im elektronischen Mainstream, dass vor allem weiße Artists mit Sounds und musikalischen Einflüssen erfolgreich sind, die in anderen Communities schon lange existieren, während diese Ursprünge und die Menschen dahinter wenig Anerkennung bekommen. Ich finde, Neuinterpretationen oder Inspiration durch andere Musik gehören zur Entwicklung von Musik, jedoch für mich immer unter der Voraussetzung, dass die Ursprünge wertgeschätzt und sichtbar gemacht werden.“

Ein weiteres Problem ist die fehlende Auseinandersetzung mit den Communities, aus denen diese Musik hervorgegangen ist. Viele fangen an aufzulegen, ohne sich wirklich mit den Ursprüngen der Musik zu befassen. Das ist an sich nicht verwerflich, zeigt aber mitunter ein fehlendes Bewusstsein für die Geschichte und die Menschen hinter den Sounds. Bamina schreibt: „Für mich reicht es nicht, die Musik und das damit verbundene Freiheitsgefühl zu feiern, ohne sich auch mit den Communities auseinanderzusetzen, die diese Kultur geschaffen haben. Denn gerade dieses Gefühl von Freiheit ist eng mit ihren Kämpfen und Ausgrenzung verbunden. Umso wichtiger finde ich es, auch die Geschichte und die Menschen dahinter anzuerkennen.“

Die Auseinandersetzung mit den Ursprüngen elektronischer Musik sollte deshalb nicht bei der Anerkennung ihrer Geschichte enden. Vielmehr stellt sich die Frage, wie die Szene heute mit diesem Erbe umgeht und welche Verantwortung Veranstalter:innen, Booker:innen und Künstler:innen tragen. Es braucht mehr als symbolische Diversität: BIPoC-Perspektiven müssen nicht nur sichtbar gemacht, sondern aktiv einbezogen und gestärkt werden. Dazu gehört auch, sich kritisch mit den eigenen Privilegien auseinanderzusetzen und den Communities, aus denen diese Kultur hervorgegangen ist, den Raum und die Anerkennung zu geben, die ihnen zustehen. Denn wer die Freiheit und Vielfalt elektronischer Musik feiert, sollte auch bereit sein, sich mit den Menschen und Kämpfen auseinanderzusetzen, die sie geprägt haben.

FLINTA*-Booker zwischen mangelndem Respekt und festgefahrenen Strukturen

Wie erleben FLINTA*-Booker:innen die Probleme innerhalb der Szene? Über diese Thematik haben wir mit Rina Cremer gesprochen. Rina gehört sowohl zu den Mitgründer der Akt Agency als auch der Akt-Partyreihe. „Es gibt Situationen, in denen man merkt, dass man nicht ernst genommen wird oder sich Dinge erlaubt werden, die im Rest der Branche eigentlich ein totales Unding wären. Als könnte man bei der kleinen FLINTA*-Agency auf einmal sämtliche Regeln vernünftiger Kommunikation über Bord werfen, weil ‚die können sich ja glücklich schätzen, dass wir die überhaupt buchen‘. Dieses Von-oben-Herab merkt man sofort und leider ist dieses Gefühl öfter präsent ist als nicht.“

Als FLINTA*-Person in der elektronischen Musikindustrie ist es nach wie vor anstrengend, sich ständig behaupten, erklären und zusätzlich Aufklärungsarbeit leisten zu müssen. All-Male-Line-ups halten sich unter anderem deshalb, weil sie weiterhin wirtschaftlich funktionieren und Veranstalter häufig keinen Anlass sehen, bestehende Strukturen zu verändern. Gleichzeitig werden FLINTA*-Artists, insbesondere abseits gängiger Schönheitsnormen, oft weniger sichtbar gemacht.

Auch in kleineren, vermeintlich progressiveren Szenen fehlt es häufig an Eigeninitiative, sich aktiv mit lokalen Kollektiven, Agenturen und talentierten Künstler:innen auseinanderzusetzen. Die Verantwortung für Veränderung darf dabei nicht bei den Betroffenen liegen, sondern muss von Booker:innen, Veranstalter:innen und anderen Personen in Machtpositionen übernommen werden. Denn talentierte FLINTA*-Artists gibt es längst – es fehlt nicht an ihnen, sondern an den Strukturen, die ihnen Sichtbarkeit, Anerkennung und gleichberechtigten Zugang ermöglichen.

Doch wie gibt man FLINTA*-Künstler:innen laut Rina wirklich Raum? „Für mich wird ein Line-up überhaupt erst dann interessant, wenn es über konventionelle Grenzen hinausgeht und Vielfalt abbildet. Denn unterschiedliche Menschen bringen unterschiedliche Perspektiven, Einflüsse und Sounds mit. Genau das macht eine gute Kuration doch spannend. Wer FLINTA*-Personen erst als nachträglichen Diversitätsgedanken bucht, macht auch hier mal wieder einfach ’nen schlechten Job. Breaking News: Deine ach so krass durchdachte Kuration wird tatsächlich interessanter, wenn du nicht dieselben fünf Techno-Menners in a different font buchst. Make it interesting, make it fun.“

Solche Erfahrungen zeigen, dass die Probleme innerhalb der elektronischen Musikszene nicht allein bei der mangelnden Sichtbarkeit von FLINTA*-Artists beginnen, sondern bereits im Umgang mit den Menschen, die hinter dem Booking stehen. Fehlender Respekt, herablassende Kommunikation und festgefahrene Netzwerke erschweren die Arbeit von FLINTA*-Booker:innen zusätzlich. Dabei sollte Diversität kein nachträglicher Gedanke oder Mittel zur Imagepflege sein, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil einer bewussten Kuration. Dafür braucht es die Bereitschaft, bestehende Strukturen zu hinterfragen, neue Perspektiven einzubeziehen und Verantwortung dort zu übernehmen, wo Entscheidungen getroffen werden. Denn eine vielfältige Szene entsteht nicht dadurch, dass FLINTA*-Personen sich ihren Platz immer wieder erkämpfen müssen, sondern dadurch, dass ihnen auf Augenhöhe begegnet und ihnen selbstverständlich Raum gegeben wird.

Was muss sich ändern?

Doch was muss sich ändern, damit alle gleichberechtigt zusammenarbeiten können? Ganz einfach: FLINTA*-Booker:innen und Künstler:innen müssen mit am Tisch sitzen. Sie müssen als gleichwertige Partner:innen wahrgenommen und in Entscheidungen einbezogen werden, statt lediglich um Aufmerksamkeit oder Chancen bitten zu müssen. Es braucht Räume, in denen FLINTA*-Personen gehört werden und ihre Perspektiven tatsächlich Einfluss haben.

Männer sollten außerdem stärker hinterfragen, warum sich so viele Menschen über mangelnde Sichtbarkeit und Ungleichbehandlung beschweren. Es geht nicht nur darum, FLINTA*-Acts zu buchen, sondern ihnen auch ein Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln. Diversität sollte sich nicht nur stärker in den Line-ups zeigen, sondern auch in den Booking-Teams. Sich mit bestehenden Netzwerken auseinanderzusetzen und sich selbstständig zu informieren, sollte dabei selbstverständlich sein.

Die Aufgabe von Booker:innen besteht nicht darin, anderen die Verantwortung für die Kuration zu überlassen, sondern selbst aktiv neue Perspektiven einzubeziehen und vielfältige Line-ups zu gestalten. Medea sagt dazu: „Männer hatten lange genug den Raum, um ihre Netzwerke aufzubauen, sich gegenseitig Bookings zuzuschieben und ihre Karrieren voranzutreiben. Es ist wirklich nicht zu viel verlangt, diesen Raum jetzt mit anderen zu teilen.“

320 FM / EDITORIAL

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