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„Wir haben damals nicht über Frankreich nachgedacht“: Zu Gast auf dem Detroit-Float bei der Techno Parade in Paris

Es ist der 18. September. Bei herrlichstem Spätsommer-Wetter und auf die Minute pünktlich (ja, das ist durchaus als Seitenhieb in Richtung Deutsche Bahn zu verstehen) rollt der Eurostar – gestartet in Köln – nach rund dreieinhalbstündiger Fahrt in den Pariser Bahnhof Gare du Nord ein. Auf Einladung der Tourismusbehörde Visit Detroit sind mein Kollege und [...]

Es ist der 18. September. Bei herrlichstem Spätsommer-Wetter und auf die Minute pünktlich (ja, das ist durchaus als Seitenhieb in Richtung Deutsche Bahn zu verstehen) rollt der Eurostar – gestartet in Köln – nach rund dreieinhalbstündiger Fahrt in den Pariser Bahnhof Gare du Nord ein. Auf Einladung der Tourismusbehörde Visit Detroit sind mein Kollege und ich dem Ruf der „Stadt der Liebe“ gefolgt. Morgen wird hier nach einem zweijährigen Hiatus wieder die Pariser Techno Parade stattfinden: mit Detroit als Ehrengast und zwei FAZEmag-Redakteuren auf dem Float der Motor City, die mit Kevin Saunderson, DJ Minx und DJ Holographic drei prägende Figuren ins Rennen schicken wird.

Aber bis dahin ist noch etwas Zeit. Da ich tatsächlich vorher nie in Paris gewesen bin, steht am frühen Freitagabend noch ein kurz-knackiges Sightseeing auf dem Programm. Als gepflegter Anhänger der House- und Minimal-Kultur geht es als erstes zum Pariser Recordstore und Label Yoyaku. Ich digge im Schnelldurchlauf – wohlwissend, dass ich ansonsten die nächsten Stunden hier kleben bleiben würde – und sacke zwei Platten ein. Die ‚Lo-Fi Dub‘-EP von Roger Gerressen und die ‚Panthere Fold‘-EP von OHM & Octal Industries. Anschließend geht es zum Louvre und von da aus zu Fuß zum Eiffelturm. Man muss konstatieren: Schon ganz schön beeindruckend die Ecke mit all den prunkvollen Bauten und ihrer endlosen Weite.

Dann ein kurzes Aufstoßen: In weiter Ferne weht eine FIFA-Flagge. Ah bah! Als sich der Eiffelturm vor mir aufbäumt, ist der Schockmoment zum Glück schnell wieder vergessen. Gustave Eiffel du Teufelskerl. Wir genießen den imposanten Anblick eine Weile, dann geht es früh ins Bett. Fit sein ist angesagt. Gegen 13 Uhr werden wir auf dem Place de la Bastille zur Parade antanzen.

Ganz nett: Der Eiffelturm.

Der nächste Tag: Zu Fuß machen wir uns auf zum Place de la Bastille. Etwa zehn bis 15 Minuten vor Ankunft tönen die ersten Bässe durch die Luft. Auf den Straßen ballen sich die Menschen zusehends zu einer großen Masse. Es wird klar: Hier findet heute etwas Besonderes statt. Als wir am Platz ankommen, sind bereits zahllose Raverinnen und Raver um die (noch) stillstehenden Floats versammelt. Der Detroit-Wagen sticht mit bunten Farben und einem Roland TR-909-Design besonders hervor. „LE BERCEAU DE LA TECHNO“ steht auf der Außenwand geschrieben – die Wiege des Techno. Stimmt.

Wir schauen uns die Szenerie noch einige Minuten von außen an. Auf dem Float steht Belleville-Three-Legende Kevin Saunderson an den Decks. Er spielt Klassiker wie „Good Life“ und E-Dancers „Detroit“, den er später besonders hervorheben wird. Auf die Frage, welche Nummer in seinem Set den Detroit-Spirit wohl am ehesten verkörpert, sagt er:

„Detroit“ von E-Dancer. Kraftvoll, eindringlich – und der Track vereint beides zugleich: den Geist unserer Anfänge und den Punkt, an dem wir heute stehen. Diese Platte in Paris zu spielen, mit Detroit als Ehrengast, hat eigentlich alles gesagt, was ich ausdrücken wollte.“

Dass Saunderson an diesem Nachmittag auf einem Float statt in einem Club oder auf einer Festivalbühne spielt, verändert auch für ihn die Dynamik. In einem Club habe man einen geschlossenen Raum, auf den man reagieren könne. Hier dagegen spiele man mitten in der Stadt – auch für Menschen, die ursprünglich gar nicht wegen der Musik gekommen seien. „Und du ziehst sie dann hinein“, beschreibt er den Reiz daran. Ganz neu ist ihm das Format allerdings nicht: Saunderson spielte bereits bei der Fast Forward Parade in Rotterdam und war Teil einer Belleville-Three-Hommage bei der Thanksgiving Parade in seiner Heimatstadt Detroit. Paris habe das dennoch übertroffen: „Das war die unglaublichste Erfahrung, die ich bisher bei so etwas gemacht habe.“

Dass ausgerechnet Detroit bei der Rückkehr der Techno Parade als Ehrengast auftritt, hat für ihn eine zusätzliche Bedeutung. Techno werde inzwischen auf der ganzen Welt gefeiert, seine Herkunft dabei aber nicht immer mitgedacht. „Detroit hat diesen Sound aus dem geschaffen, was vorhanden war“, sagt Saunderson. Dass diesmal nicht allein die Musik, sondern die Stadt selbst gewürdigt werde, sei deshalb entscheidend: „Der Ort verdient die Anerkennung, nicht nur der Katalog.“

Und natürlich steckt in dieser Szenerie auch eine gewisse historische Absurdität – im besten Sinne. Was Saunderson gemeinsam mit Juan Atkins und Derrick May einst als drei Kids aus Belleville mit auf den Weg brachte, bewegt Jahrzehnte später Hunderttausende Kilometer entfernt durch Paris. „Wir haben damals nicht über Frankreich nachgedacht. Wir haben über die nächste Party nachgedacht“, erinnert er sich.

Wie groß die Dimension des Ganzen tatsächlich ist, bekommt Saunderson selbst nur teilweise mit. Nach seinem Set muss er weiter zum nächsten Gig nach Ibiza. Von DJ Holographic sieht er noch einen Teil des Auftritts, DJ Minx und den später durch Paris fahrenden Float anschließend nur noch über Social Media. Gerade diese Bilder seien bei ihm hängen geblieben: eine ganze Stadt, die eine Techno Parade annimmt, während eine jüngere Generation die Musik weiterträgt. „Das nehme ich nicht als selbstverständlich hin.“

Ein Blick den Boulevard hinunter lässt erahnen, wie voll es gleich werden wird.

Wir sind mittlerweile auf dem Float, wo wir vom Visit-Detroit-Team herzlich in Empfang genommen werden. Es gibt Getränke und Ohropax – wichtig! Visit Detroit ist mit einer großen Entourage in die französische Hauptstadt angereist. Neben den Technikern sind vor allem Medienleute on Board. Es wird fotografiert, gefilmt und interviewt. Klar, um Präsenz auf dem europäischen Markt zu zeigen, ist das hier eine einmalige Chance. Nächstes Jahr will man offenbar mit einem Float bei Rave The Planet teilnehmen. Uns soll es recht sein.

Hinter den Decks hat sich nun DJ Holographic eingenistet. Ihr Sound wandert einmal quer durch den Detroit-Sound-Kosmos. Die Vibes sind locker, die Crowd tanzt bei 25 Grad und Sonne. Auf dem Place de la Bastille versammeln sich derweil immer mehr Menschen, wobei aufgrund seiner schieren Größe keine Bedrängnis entsteht. Ein Blick in Richtung des Boulevard Beaumarchais, in die sich die Parade gleich in Bewegung setzen wird, offenbart: Das könnte sich gleich ändern.

Es geht los. Die Trucks rollen an, begleitet von tosendem Applaus. Die Befürchtung, dass man ins Bass-Kreuzfeuer der einzelnen Floats gerät, bewahrheitet sich übrigens nicht. Prima.
Schon nach den ersten gefahrenen Metern steigt das Stimmungsbarometer auf den Straßen nach oben – und zwar gewaltig. Die Leute tanzen auf Balkonen und Bushaltestellen, der Visit-Detroit-Staff wirft Bändchen und Fächer in Konfetti-Manier auf die Raver. Die Techno Parade ist zurück in Paris und die Menschen danken es ihr mit purer Ausgelassenheit. Rund 400.000 werden es am Ende sein.

Mittlerweile hat DJ Minx die Player übernommen.

Und obwohl sie seit vielen Jahren auf großen Bühnen und in Clubs unterwegs ist, beschreibt sie die Parade im Nachhinein als etwas völlig Eigenes. Noch am nächsten Morgen sei ihr vor allem im Kopf geblieben, dass dieses Ereignis tatsächlich mitten auf den Straßen von Paris stattgefunden habe – mit Tausenden Menschen, die dem Float folgten und die Musik unterwegs aufsaugten. Eine vergleichbare Erfahrung habe sie zuvor nicht gemacht.

Auch ihr Set selbst habe sich dadurch verändert. Anders als auf einem klassischen Dancefloor, auf dem sich das Publikum an einem Ort versammelt, bewegt sich hier alles gleichzeitig weiter. Minx reagiert darauf, indem sie häufiger als sonst die Tracks wechselt. „Ich wollte der Crowd genauso viel Energie und Flow zurückgeben, wie sie mir gegeben hat“, sagt sie. Am meisten habe sie dabei genossen, die unmittelbaren Reaktionen auf die Musik beobachten zu können.

DJ Minx in action.

Dass Detroit bei der Parade derart prominent vertreten ist, bedeutet für sie allerdings mehr als bloße symbolische Anerkennung. Minx möchte, dass außerhalb der Stadt wahrgenommen wird, wie vielfältig die Szene tatsächlich ist und wie viel Arbeit dahintersteckt. „Wir sind eine bunte Truppe und wir arbeiten hart“, sagt sie. Dabei gehe es nicht um Show, sondern um den Anspruch, Menschen zum Tanzen zu bringen und ihnen die Musik und Genres näherzubringen, die in Detroit entstehen.

Der Track, der diesen Gedanken für sie am besten transportiert, stammt aus der eigenen Feder: „Energy“ feat. Kendra Foster – eine Produktion, auf die Minx besonders stolz ist. Ihre knappe Beschreibung: „Detroit rhythm and beats for days!“

Es geht weiter. Am Place de la République kocht die Stimmung auf den Höhepunkt. Man ist einerseits ein wenig froh, oben auf dem Truck zu sein, andererseits würde man sich aber auch gerne zwischendurch mal unter die Crowd mischen. Wir bleiben oben und biegen auf den Boulevard Voltaire, der Zielgeraden, ein.

Doch zum vorab festgelegten Zielort wird die Karawane nicht gelangen. Weil die Destination – der Place de la Nation – nicht rechtzeitig erreicht wird, müssen die Floats verfrüht die Musik ausschalten. Etwas abrupt müssen wir das Float verlassen. Unten steht die Polizei, die uns zu diesem Zeitpunkt – zum Ende der Parade – das erste Mal begegnet. Auch das spricht für sich.

Es ist ein winziger Wermutstropfen einer ansonsten großartig gelungenen Veranstaltung, die noch lange in unseren Köpfen und auf den Straßen Paris nachhallen wird. An der Bronzeskulptur „Le Triomphe de la République“ in einem riesigen Park erhalten die Raver – wir inklusive – erstmals nach vier Kilometern die Möglichkeit zum Innehalten und Sackenlassen. Schön wars.

Text: M.T.

Fotos: Privat

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Der Beitrag „Wir haben damals nicht über Frankreich nachgedacht“: Zu Gast auf dem Detroit-Float bei der Techno Parade in Paris ist auf FAZEmag erschienen.

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